Samstag, 5. September 2015

2. Kapitel von "Blina und Flair" (von nadja schuhmacher 2005)



„Mir ... mir ist das völlig egal“, stammelte Joke. „Mir isses egal, auf welches Kotzniveau ich mich runterlasse, solange ich ihnen ... solange ich ihnen nur Schmerzen zufügen kann.“

„Und das werden wir“, sagte Brian nachdrücklich. „Das werden wir auch, Junge.“

„Macht kein´ Scheiß, Jungs“, sagte Franka besorgt. „Du hast gesagt, du kennst nicht mal ihre Namen, Joke. Wie willst du die Typen wiedererkennen?“

„Hättest du nicht schon seit einer Stunde zuhause sein sollen?“, fragte Flair mich plötzlich. Ich zuckte zusammen. „Ja, shit.“

„Ich bring dich heim“, bot sie an.

„Ne, is´ schon okay.“

Ich gab ihr Geld, damit sie für mich zahlen konnte, verabschiedete mich und verließ das Lokal. Den Weg nach Hause rannte ich.



Sie hatten den Schlüssel von innen stecken lassen, so dass ich nicht aufsperren konnte. Das machten sie immer, wenn ich zu spät kam. Damit ich mich nicht reinschleichen konnte. Wütend klingelte ich. Mein Vater öffnete die Tür.

„Es ist fast Mitternacht“, sagte er mit mühsam unterdrücktem Zorn in der Stimme. Auf seiner roten Oberlippe glänzte Schweiß. Das wenige, farblose Haar auf seinem dicken Schädel stand in allen Richtungen weg. Er trug einen einteiligen lila Pyjama. Ich wollte mich an ihm vorbeidrücken, hatte keine Lust auf seine Wutausbrüche, doch seine bullige Figur versperrte mir den Weg.

„Tut mir leid“, sagte ich halbherzig. „Kann ich jetzt nach oben? Ich bin müde.“

„Du wirst es nicht glauben, aber ich bin auch müde“, rief er hitzig. „Du hast mich aus dem Schlaf geklingelt.“

„Selbst schuld“, murmelte ich.

„Was hast du gesagt?“, fragte er mit gefährlich ruhiger Stimme und beugte sich zu mir nach unten.

„Hättet ihr halt den Schlüssel von innen abgezogen“, sagte ich fester.

„Willst du mir irgendetwas vorschreiben?“, fragte er und knirschte mit den Zähnen. Mir zog es den Magen zusammen.

„Nö“, sagte ich.

„Das will ich dir auch geraten haben. Und jetzt Abmarsch ins Bett.“

Ich zwängte mich an ihm vorbei und lief die Treppe nach oben in den ersten Stock, wo sich mein Schlafzimmer befand. Ich lag noch lange wach und dachte über Joke und seine Schwester nach. Ohne eine Lösung gefunden zu haben, fiel ich schließlich in einen unruhigen Schlaf.

Der nächste Tag war ein Montag. Obwohl ich hundemüde war, hatte ich keine Chance, meiner Mutter eine Erkältung vorzuspielen, um nicht in die Schule zu müssen. Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen oder meine Haare endlich zu kämmen zog ich an, was mir grad in die Hände kam, und verließ das Haus ohne Schultasche. Das Jahr neigte sich ohnehin dem Ende zu, im Unterricht würde sich nichts mehr abspielen. Ich genoss den Wind beim Fahrradfahren. Er weckte meine Lebensgeister. Ich merkte, dass ich ein T-Shirt von meinem großen Bruder trug.

Vor unserem Klassenzimmer wartete ein Junge, den ich nicht kannte. Er stand etwas abseits von meinen Klassenkameraden und blätterte in einer Zeitschrift. Sein Haar war schwarz-rot gefärbt und stand stachlig in alle Richtungen ab. Ansonsten sah er ziemlich gut aus. Es wunderte mich, dass er noch nicht umzingelt von den Zicken meiner Klasse war.

„Hi“, sagte ich an niemand Bestimmtes gewandt und lehnte mich neben ihn.

„Wo hast du deine Schultasche gelassen?“, fragte Marion mit affektierter Stimme.

„Zuhause. Vergessen“, sagte ich bemüht lässig. Der Junge mit der schwarz-roten Haarpracht sah kurz von seiner Zeitschrift auf.

„Was hast du denn für ein Hemd an?“, fragte Marion und tat überrascht.

„Siehst du doch“, erwiderte ich.

„Es sieht merkwürdig aus. Wie ein Jungenhemd.“

„Was ist an einem Jungenhemd merkwürdig?“, fragte ich.

Sie wandte sich von mir ab. Ich drehte mich zu dem Jungen um. „Was machst du hier? Du gehörst nicht in unsre Klasse, oder?“

Er sah mich kurz an ohne zu reagieren. Ich wartete noch drei Sekunden ab, dann tippte ich ihm zweimal auf die Schulter. Er tat, als wäre nichts geschehen und hob den Blick nicht von seiner Zeitschrift.

„Bist du eine Wachsfigur?“, fragte ich. „Was liest du da?“

„Er redet nicht“, sagte Simone und warf ihre blonden Locken über die Schulter. „Ich hab es auch schon versucht.“ Sie zwinkerte mir zu. „Stumm wie´ n Fisch.“

„Wirklich stumm?“, fragte ich überrascht.

„Ne, nur kein Bock zu reden“, sagte er plötzlich. „Je déteste la langue allemande.“

„Wie bitte?“, fragte ich. In diesem Moment kam der Lehrer. Nachdem er aufgesperrt hatte, strömten die Schüler ins Klassenzimmer.

„Wir haben einen neuen Schüler“, sagte der Lehrer und legte eine Hand auf die Schulter des Neuen. „Das ist Jens Neumeier. Er war ein Jahr in Frankreich und ist jetzt zurückgekehrt, um in dieser Klasse zu bleiben. Eigentlich würde er schon in die Zehnte gehen. Setz dich neben Lena, Jens.“

Er setzte sich neben mich. „Ich heiß Blina, nicht Lena“, sagte ich zu ihm, ohne meine Stimme zu dämpfen.

„Es ist mir egal, wie du heißt“, sagte er in derselben Lautstärke.

Mir blieb die Spucke weg. Dann hob ich eine Hand. „Ich möchte, dass er woanders sitzt“, sagte ich zum Lehrer.

„Lena“, sagte er entrüstet. „Er ist neu in dieser Klasse, also sei nett zu ihm. Hilf ihm, sich zu integrieren.“

„Wie soll ich ihm helfen, sich in diese Klasse zu integrieren, wenn ich selbst nicht integriert bin?“, fragte ich fassungslos.

„Dann integriert euch eben gemeinsam. Zu zweit ist alles leichter.“

„Das Schuljahr ist beinahe um. In dieser Woche schaffen wir das nie“, rief ich wütend. „Und nächstes Jahr setz ich mich ganz bestimmt woanders hin.“

Der Lehrer ignorierte mich jetzt und legte einen Video auf.

„Du bist nicht besonders nett, Blina“, sagte Jens.

„Wie war´ s in Frankreich?“, fragte ich.

„Musst du selbst erleben, sonst wirst du´ s nicht kapieren“, sagte er nach einer Weile.

„Also war es gut?“, fragte ich.

Er nickte.

„Warum hast du deine Haare so gefärbt?“, fragte ich. „Bist du ein Punker?“

„Was ist das für eine Frage?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Rhetorische? Kenn mich mit Grammatik nicht so aus.“

„Ich hab mir die Haare gefärbt, weil es die Leute provoziert“, sagte er.

„Mich provoziert es nicht.“

„Mich provoziert es auch nicht, dass du ein T-Shirt mit der Aufschrift Anonymer Alkoholiker trägst.“

„Was hat das mit dem Thema zu tun? Das T-Shirt gehört meinem Bruder.“

„Ich muss aufs Klo“, sagte er.

„Dann musst du dich melden und um Erlaubnis bitten, oder war das in Frankreich anders?“

Ohne auf meine Worte zu achten stand er auf und verließ das Klassenzimmer.

„Wo ist er hin?“, fragte der Lehrer erstaunt.

„Auf die Toilette“, sagte ich genauso verblüfft. Während er weg war, merkte ich, dass ich, so kühl ich äußerlich auch tat, innerlich furchtbar aufgeregt war. Mein Herz schlug heftiger denn je und meine Handflächen waren schweißnass. Gedanken wirbelten mir durch den Kopf, die ich im nächsten Moment wieder vergessen hatte. Nur einer blieb bestehen: Ich hatte mir seit zwei Tagen die Haare nicht gekämmt.

Jens kam zurück. Der Lehrer sprach ihn nicht an. Jens setzte sich nicht wieder neben mich an die Schulbank, sondern legte sich flach auf den Boden.

„Ich möchte mich ausstrecken“, erklärte er mir gähnend.

Ich blieb stumm.

In der Pause gingen wir in den Pausenhof und er drehte sich unter meinen Augen einen Joint.

„Hast du keine Angst, dass ein Lehrer dich dabei erwischt?“, fragte ich und beobachtete seine Finger. Er schüttelte den Kopf.

Dann begrüßte er einige seiner ehemaligen Klassenkameraden, die er seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte.

„Willst du mal ziehen?“, fragte er, als wir wieder allein waren. Ich wusste nicht, warum ich mich an ihn gehängt hatte, anstatt ihn in Ruhe zu lassen, doch er schien nichts dagegen zu haben. Ich lehnte dankend ab. „Das ist eine Droge.“

Er hauchte den Rauch aus. „Darüber reden wir ein andermal“, sagte er. „Jetzt will ich mich einfach nur entspannen.“

Ich hob eine Augenbraue, wie ich es von Brian gelernt hatte, schwieg aber. Ein Mädchen mit einer grünen Haarmähne setzte sich zu uns. „Lass mal ziehen, Jens.“

Ich zog in Erwägung, woanders hinzugehen. Das war zweifelsohne nicht die Gesellschaft in der sich ein vierzehnjähriges Mädchen befinden sollte. Aber starr blieb ich sitzen. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Ich hustete.

„Ich hab dich vermisst“, sagte das grünhaarige Mädchen und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Ich stand auf und ging woandershin. Mir war ziemlich wirr zumute.

In der fünften Stunde wurden wir nur beaufsichtigt. Die Hälfte der Klasse spielte in kleinen Gruppen Karten, der Rest blätterte in Zeitschriften oder schlief.

„Wann bist du aus Frankreich zurückgekommen?“, fragte ich.

„Freitag“, sagte Jens.

„Irre. Ein ganzes Jahr in Frankreich. Echt Wahnsinn. Haben dich deine Eltern nicht vermisst?“

„Ich wohn bei meiner Tante.“

Ich dachte unwillkürlich an Harry Potter.

„Ist sie nett?“, fragte ich.

„Was?“, fragte er verständnislos. Ich wiederholte die Frage lieber nicht.

„Hast du ein Handy?“, erkundigte ich mich stattdessen. Er schüttelte den Kopf.

„Gegen Handys“, sagte er knapp.

„Warum?“, fragte ich. „Wegen der Strahlung?“

„Wegen der Massenverblödung.“

„Mit deinem Geist gegen das System?“

„Allerdings.“

„Kennst du das Blina?“, fragte ich.

„Natürlich. Scheißkneipe. Ich bin eher im Flair oder im Billardcafé.“

Ich schluckte. „Hm. Kennst du Flair? Also, Veronika?“

„Nur vom Hörensagen. Wieso?“

„Nur so.“

Ich legte meinen Kopf in meine über der Bank verschränkten Arme und gab vor, zu schlafen. Ich löcherte ihn ja geradezu mit Fragen. Er musste sich ja ungeheuer interessant vorkommen. An mir schien er kein bisschen interessiert zu sein.

Als die Stunde um war, durften wir heim. Bei den Fahrradständern merkte ich, dass jemand mein Fahrrad geklaut hatte. Ich hatte es nicht angekettet.

„Fuuuuuuck“, brüllte ich.

Ich hätte am liebsten etwas zerstört. Wild blickte ich mich um. Wer hatte das getan? Wo war mein Fahrrad? Welches grenzenlose Arschloch ... ?

„Alles klar, Blina?“ Es war Jens.

„Mein Fahrrad ist weg“, sagte ich atemlos.

„Reg dich ab“, sagte er. „Kannst es jetzt nicht mehr ändern.“

Ich sagte nichts.

„Du kannst mit mir heimfahren. Meine Tante holt mich ab. Wo wohnst du?“

„Renatastraße.“

Seine Tante war jung und blond. Sie sah aus wie eine Schauspielerin, fand ich.

„Kannst du Blina mitnehmen?“, fragte Jens. „Jemand hat ihr Rad geklaut.“

„Natürlich“, sagte sie und lächelte mich im Rückspiegel an.

„Danke“, sagte ich mit schmerzlicher Miene.

„Gehst du in Jens´ neue Klasse?“, fragte sie mich, während sie losfuhr.

„Ja“, sagte ich.

„Schön“, sagte sie und lächelte mir wieder im Rückspiegel zu. Ich wurde rot, als ich an mein T-Shirt dachte. Hoffentlich sah sie die Aufschrift nicht.

„Ich geh heute Abend wahrscheinlich ins Flair“, sagte er. „Kommst du auch, Blina?“, fragte er mich, als seine Tante mich vor meiner Haustür absetzte.

„Wenn ich’s schaff“, sagte ich erfreut und stieg aus.

Den Tag verbrachte ich mit meinen Haaren. Ich wusch, pflegte und entfilzte sie, steckte sie zu allen möglichen und unmöglichen Frisuren hoch, gelte sie, sprayte sie bis zum Gehtnichtmehr ein, bis ich sie abermals waschen musste, föhnte sie, und beschloss schließlich, sie hängen zu lassen, wie sonst auch. Ich zog mir einen Seitenscheitel und verließ endlich das Bad. Meine Mutter sah mich an, als wäre ich wahnsinnig geworden.

„Was gibt’s?“, fragte ich höflich.

„Was treibst du drei Stunden lang im Badezimmer?“, entgegnete sie.

„War aufm Klo.“

Ich bat meine Mutter um fünf Euro, die sie mir versagte. Nachdem ich das Geld stibitzt hatte, ging ich aus dem Haus. Auf dem Weg ins Flair, den ich zu Fuß zurücklegen musste, was ich ungern tat, versuchte ich, mir Jens aus dem Kopf zu schlagen. Er hatte dort drin nichts zu suchen, egal wie merkwürdig und exorbitant er zu sein schien. Als ich in meiner Zweitlieblingskneipe ankam, war sie noch ziemlich leer. In einer Ecke saß ein Mann mit einem Hund und zwei jungen Mädchen, ansonsten Vakuum. Ein bisschen müde geworden, setzte ich mich an unseren Stammtisch und bestellte ein Radler. Um mir die Zeit zu vertreiben, dachte ich über eine Ausrede für mein Fahrrad nach. Meine Eltern wären kaum erfreut darüber, die Wahrheit zu hören, und ich wollte sie nicht unglücklich machen. Während ich nach einer plausiblen Fahrraddiebstahlgeschichte sann, füllte sich das Lokal allmählich.

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