Dienstag, 18. Februar 2014

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 58



Als sie wieder auftauchte, erstreckte sich vor ihr eine endlose Wüste. Die Luft flimmerte über dem gelben Sand. Von einem eisernen Willen getrieben setzte sie einen Fuß vor den anderen, obwohl sie ja wusste, dass die große Katastrophe eingetreten war und es keine Rettung mehr gab. Ihre geschwollene Zunge schmerzte und ihre Augen brannten. Da, eine Wasserstelle. Sie richtete ihr ganzes Verlangen darauf. Immer näher rückte das schimmernde Nass. 

Oder war es nur eine Fata Morgana? Sie ließ sich auf die Knie fallen, doch als die ersten Tropfen ihre Lippen benetzten, entfernte sich der Tümpel, der so herrlich nach Wasser roch. Verzweifelt kroch sie auf allen Vieren darauf zu, doch wieder bekam sie nur ein paar Tropfen ab. Sie stöhnte und blickte auf. Über ihr auf der Palme hockte ein Affe und schaute sie wissend an.
"Lara, ist ja gut", sagte er. Seine Stimme klang wie die von Chris. Jetzt spürte sie ein feuchtes Tuch auf den Lippen, und sie versuchte, ein paar Tropfen herauszusaugen. Jemand nahm es fort und legte es ihr erneut auf den Mund, so dass ein wenig Wasser in ihren Mund floss. Sie hätte so gern die Augen aufgemacht, aber es ging nicht.
"Was machst du für Sachen?", fragte die Stimme von Chris.
Jetzt befeuchtete der Lappen auch ihre Augen und ihre Schläfen, endlich legte er sich wieder auf ihre Lippen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Kraft hatte, einen Schluck aus der Flasche zu nehmen, die Chris ihr bot.
Und irgendwann, nach mehreren Schlucken, zwischen denen Stunden zu liegen schienen, war ihre Zunge so weit abgeschwollen, dass sie wieder sprechen konnte. Von sich aus hatte Chris nicht viel erzählt, also musste sie fragen. "Wie hast du mich gefunden?"
"Du warst nicht zu übersehen." Er grinste. "Ich hatte dich mit dem Feldstecher schon eine halbe Stunde beobachtet. Du hast zwar erschöpft gewirkt, aber dass es so schlimm steht . . ."
"Woher hast du das Wasser?" Diese Frage schien ihr von überragender Bedeutung.
"Karst", sagte er nur. "Es fließt unterirdisch."
Zu dumm. Das hätte ihr auch einfallen können. "Und wie bist du hinuntergekommen?"
"Durch einen Schacht abgestiegen. Ich hatte ihn mit einem Pfeil nach unten markiert."
Sie erinnerte sich dunkel an eine Markierung mit zwei Pfeilen, die ihr Rätsel aufgegeben hatte. Wieder legte er den kühlen Lappen auf ihre Augen, und sie öffnete sie zum ersten Mal seit ihrer Ohnmacht. Sie sah in das vertraute, markante Gesicht von Chris, in seine hellbraunen Augen. Aber irgendetwas war anders. Klar, er hatte einen Bart! "Du hast wohl auch dort unten geschlafen?"
"Wie hast du das erraten?"
"Oben war kein Lagerplatz." Plötzlich spürte sie außer Durst noch einen brennenden Hunger. Sie angelte nach ihrem Rucksack und holte eine Essensration heraus. Hastig riss sie das Päckchen auf und steckte sich einen Würfel in den Mund. Dann erst bot sie Chris davon an. Er winkte ab.
Nach wie vor hockten sie unter ihrem improvisierten Sonnendach. "Wie ist es dir nach der Landung ergangen?", fragte sie schließlich.
"Nicht besonders", sagte er. "Erst mal war mir unklar, wo ich überhaupt bin. Erst nach dem Abhören der Instruktionen ist mir langsam gedämmert, was los ist. Dann der Muskelschwund. Ich hab mich auf das Training konzentriert und bin jeden Tag für ein paar Stunden rausgegangen, um mir die Umgebung anzusehen. Nach einer Woche hab ich dann draußen geschlafen. Und als ich halbwegs fit war, bin ich auf Exkursion gegangen."
Typisch Chris. Im Grunde war er sich selbst genug. Wenn er nicht gerade was fürs Bett brauchte.
"Und du hast niemanden getroffen?"
"Doch." Er grinste wieder. "Wart ab, bis wir in mein Lager kommen. Alle Achtung übrigens, dass du mich gefunden hast."
Ein schönes Lob, auch wenn sie es beinah mit dem Leben bezahlt hätte. Was es mit seinem Lager auf sich hatte, wollte er nicht sagen. Dafür ließ er sich in Kurzfassung berichten, was Lara erlebt hatte. Insgeheim sagte sie sich, dass sie doch ein sehr viel interessanteres Abenteuer hinter sich hatte als er. Während sie erzählte, trank sie aus seiner Flasche und aß den Inhalt des Päckchens auf. Erst als die Flasche leer war, bekam sie ein schlechtes Gewissen. "Hast du noch mehr?"
"Klaro. Ich campiere an einer Quelle."
Jetzt wurde sie wirklich neugierig. Er half ihr beim Packen, dann machten sie sich auf den Weg. Die Sonne, unsere alte Sonne, dachte sie wehmütig, stand tief über der Bergkette im Westen, als sie zum Kamm aufstiegen. Schon verdunkelte sich der wolkenlose Himmel im Osten, während die Felshänge rosig leuchteten. Wunderschön, eine traurige Schönheit, dachte Lara und schluckte die Tränen hinunter.


Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
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