Montag, 17. Februar 2014

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 57



Am dritten Tag ihrer Wanderung durch die Hochebene war Laras Wasservorrat erschöpft. Den Trick mit dem Ablecken der salzigen Haut hatte sie auch versucht, aber mittlerweile war ihre Zunge so geschwollen und so trocken, dass es keinen Sinn mehr hatte. An der letzten Markierung war sie vor einer halben Stunde vorbeigekommen. Warum fand sie ihn nicht? Vielleicht lag er ja irgendwo in dieser schier endlosen Wüste und verdurstete wie sie. 

Umso besser vielleicht, wenn sie beide hier starben.
Aber ihr Körper wollte sich nicht so leicht geschlagen geben wie ihr Geist. Wieder zeigte sich, dass er sich viel energischer ans Leben klammerte als das, was sie als Ich bezeichnete. Aber wo lag eigentlich der Unterschied? Hatten sich diese Trennung zwischen Körper und Seele nicht die alten Griechen einfallen lassen? Das Höhlengleichnis kam ihr in den Sinn. Alles, was wir sehen, ist nur ein Schatten des wahren Wesens der Dinge. Wir sind Gefangene unserer begrenzten Sichtweise. Ihr wurde so schummrig, dass sie glaubte, keinen Schritt mehr gehen zu können. Da war ein Felsen, der ein klein wenig Schatten bot. Wenn sie ihren Umhang geschickt drapierte, könnte sie sich vor der Sonne geschützt ein wenig ausruhen. Um dann nie wieder aufzustehen? Egal. Weitergehen konnte sie nicht.
Irgendwie brachte sie die letzten Meter bis zu dem Felsen hinter sich, ohne hinzufallen. Dann ließ sie sich auf die Knie sinken, holte den Schlafsack heraus, öffnete die Ventile, drapierte den Umhang mit Hilfe von drei Streben zu einem kleinen Sonnenschirm und kauerte sich darunter. Zuletzt griff sie in den Rucksack, holte die Puderdose heraus und ließ sie aufklappen. Sie tippte das SOS-Signal ein, klappte die Dose wieder zu und legte sie in die Sonne, so dass sie Energie tanken konnte. Dann wurde sie ohnmächtig.

Bilder zogen vorüber. In einem Bus war sie unterwegs in einer grauen Stadt, sie wusste, sie durfte nicht aussteigen, tat es doch und befand sich in einer Gegend, die sie nicht kannte. Dann saß sie am Klavier, griff in die Tasten, die Geige setzte ein, das lange Lamento ertönte, bis sie entsetzt aufblickte, denn sie spürte, dass etwas Schreckliches geschah, der Mann mit der Geige, die einen letzten klagenden Ton von sich gab, war zu Boden gesunken, und sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil es so schnell zu Staub zerfiel, sie sah sich um, das Klavier lag unter einer dicken Staubschicht, war mit Spinnweben bedeckt, ein düsterer Raum schloss sie ein, und sie ahnte, ja wusste, dass sie der einzige lebende Mensch, dass die ganze Welt zu Asche verbrannt war nach einer letzten gewaltigen Explosion, die auf ewig den Himmel auslöschte, den Mond und die Sonne verdunkelte, und alles, alles, das Meer und der Strand, die Fische und Korallenriffe, die Delphine und Kraken, die Insel der Rebellen, der Wald, die Blüten, die köstlichen Früchte und Nüsse, die Äffchen, der Wasserfall, die Seerosen, die Libellen über dem klaren Wasser des Teichs, die unkontaminierte Luft, Kamal, Jane und Will, die wunderbare Stadt mit den bunt bemalten Häusern, den Brunnen und Palmen, die beiden Monde am Horizont, die Befreiung Hectors, die Raumkapsel, Averi, die Kelche der Kannenpflanze – alles war nur ein Traum gewesen . . . Ihre Lippen formten einen lautlosen Schrei und sie fiel in einen finsteren Abgrund.


Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
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