Freitag, 14. Februar 2014

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 55



Als die Sonne hinter den schneebedeckten Gipfeln versank, brach Lara erschöpft zusammen. Sie war den ganzen Tag den Wegmarkierungen gefolgt, ohne auf ein Nachtlager zu stoßen. Der Versuch, mit einem halben Liter Wasser auszukommen, war misslungen. Die zweite ihrer vier kleinen Flaschen war fast leer. Hunger hatte sie eigentlich nicht. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, und sie hatte nur den einen Wunsch, eine ganze Flasche auf einmal auszutrinken.

Kurz erwog sie, genau das zu tun, aber die letzte Quelle, an der sie ihren Wasservorrat aufgefüllt hatte, lag fast drei Tagesmärsche zurück. Fraglich, ob sie den Rückweg schaffen würde. Außerdem musste sie Chris finden, um jeden Preis. Andererseits, wenn sie starb, war niemandem geholfen.
Helfen, vielleicht war das ja ihr Problem, dass sie immer jemandem helfen wollte. Sie hatte Redford bei seiner verrückten Mission helfen wollen, dann den Rebellen bei der Befreiung Hectors, und jetzt wollte sie diese Welt retten. Vollkommen beknackt. Warum war sie nicht einfach bei Will und Jane und Kamal geblieben? Sie hätte ihnen helfen können, in Edinburgh für normale Verhältnisse zu sorgen – schon wieder. Das war ihre Krankheit, ihre Unfähigkeit, einfach glücklich zu sein, ihre Unfähigkeit zu leben . . .
Wenn sie an Will dachte, hätte sie weinen können, aber ihre Tränenkanäle waren anscheinend vertrocknet. Sie nahm ihre verbliebene Energie zusammen, packte den Schlafsack aus und öffnete die Ventile, die dafür sorgten, dass er Luft ansaugte. Dann trank sie ganz langsam den letzten Schluck Wasser aus der zweiten Flasche. Ob es überhaupt gut war, etwas zu essen? Die Nahrungswürfel aus den mitgebrachten Päckchen brauchten Flüssigkeit, damit man sie schlucken konnte. Sie wollte es nicht darauf ankommen lassen, sich den trockenen Mund mit dem gummiartigen Zeug zu verkleben. Den Schlafsack schob sie hinter einen Felsen, der verhindern würde, dass sie nachts den Hang hinunterkullerte. Dann kroch sie todmüde hinein, deckte sich mit dem Umhang zu und fiel in einen bleiernen Schlaf.
Irgendwann erwachte sie durch einen Donnerschlag. Ein Blitz zuckte quer über den Himmel und tauchte die öde Steinlandschaft für eine Sekunde in bizarres Licht. Fast gleichzeitig krachte der Donner. Das Gewitter war praktisch über ihrem Kopf. Ein jäher Wind packte den Umhang, den sie nicht fest genug verankert hatte, und riss daran. Mit beiden Händen klammerte sie sich an den leichten Stoff, der sich über ihr blähte wie ein Segel. Wieder wurde es hell und es tat einen so gewaltigen Schlag, dass sie unwillkürlich zitterte. Felsbrocken polterten an ihr vorbei den Hang hinunter. Nur ein paar dutzend Meter oberhalb hatte der Blitz einen Felsen gesprengt. Heulend fegte der Sturm über die Ebene, riss und zerrte an dem Umhang, doch Lara ließ nicht los, versuchte, möglichst viel von dem dünnen Material an sich zu bringen, während sie sich schutzsuchend an den Felsen drückte. Schließlich fielen die ersten schweren Regentropfen, und bald goss es wie aus Kübeln. Nach wenigen Minuten war sie bis auf die Haut durchnässt, das Wasser lief in ihren Schlafsack und sie zitterte jetzt nicht mehr nur vor Angst, sondern vor Kälte.
 
Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
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