Dienstag, 4. Februar 2014

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 45



Sie zuckte zusammen, als sie die menschliche Gestalt erkannte, die darauf lag. Nur der Kopf fehlte. Es kostete sie ihre ganze Selbstbeherrschung, näher an die weiße Gestalt heranzutreten. Ein aufgeblähter Schutzanzug, der dem ihren glich, doch nach dem ersten Schreck sah sie, dass er leer war. Sie atmete hörbar auf. War es ihrer? Wie konnte er hierher geraten sein? Hastig öffnete sie die Verschlüsse, suchte die Taschen ab. Leer. Kein Proviant, keine Wasserflaschen. 

Sie entdeckte das Geheimfach. Ebenfalls leer. Sie verschloss alles wieder sorgfältig, schob den Anzug beiseite und setzte sich.
Ihr dämmerte, dass sie hier viele Stunden verbracht, dass sie trainiert, Gewichte gestemmt hatte, bis ihr der Schweiß aus allen Poren lief. Aber sie hatte nicht diese glatten, abweisenden Flächen um sich gehabt. Sie fand die richtige Stelle, die auf das Klopfzeichen reagierte, erneut ein Zahlenfeld auf einem Screen freigab. Auch diesmal erinnerten sich ihre Finger an den Code. Bei vier beginnen und das sternförmige Muster eintippen, nur die Sechs auslassen. Ebenso lautlos wie die Tür schob sich die Abdeckung der Steuerkonsole beiseite. Sie sah die vertraute Touchtastatur, die Lämpchen, die matt aufleuchteten, gelb, grün, rot. Wieder tippte sie einen Code, bestehend aus Zahlen und Buchstaben, ein, legte dann die Hand auf den Screen und ein Bildschirm, der fast die Hälfte der Gewölbedecke einnahm, leuchtete auf. Oder war es ein Fenster? Jedenfalls sah sie die Umgebung der Kapsel, den Fluss, die Bäume, die Berge.
Nein, ein Fenster konnte es nicht sein, denn sobald sie das Mousepad berührte, änderte sich die Perspektive, nun hatte sie den ganzen Flussabschnitt neben der Kapsel im Blick, dann die Kante des Steilhangs, von dem sie gekommen war, schließlich den Himmel, wo ein Raubvogel seine Bahn zog.
Eine Tastenkombination, und sie gelangte zum Menü, gleich der erste Dateiname schien zu sein, was sie suchte: Mission – allgemein. Sie klickte ihn an, und es erschien ein Bild, das ihr Schauer über den Rücken jagte. Ein Mann im dunkelblauen Overall, rötliche Haare, an den Schläfen grau. Dann ertönte die vertraute Stimme, die sie bis in die Träume verfolgte.

Die Reise von Terra nach Alpha kann den Verlust wichtiger Gedächtnisdaten verursachen. Daher ist hier der Auftrag für den Abgesandten Christoph Y zusammengefasst. Details folgen in weiteren Dateien.
Unsere Heimat bietet schwindende Überlebenschancen für die zivilisierte Menschheit. Die Temperaturen erhöhen sich stetig, der Meeresspiegel steigt nach wie vor an. In den Meeren sind aufgrund des hohen CO2-Eintrags Todeszonen in großen Tiefen entstanden. Die Landfläche ist auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Von einst sieben Milliarden Menschen führen nur noch rund 700 000 ein würdiges Leben auf hohem technischem Niveau. Immer noch steigen aber die Temperaturen, die Wüsten dehnen sich aus und Stürme tragen radioaktiv kontaminierten Staub um den Globus.
Die Mission des Abgesandten Christoph Y ist unsere letzte Hoffnung, neuen Lebensraum zu erschließen – zum Wohl der gesamten Menschheit.
Nach Alpha wurden bereits vor rund hundert Jahren ein Raumkapseln entsandt. Schon damals ruhte die Hoffnung der Menschheit auf den Abgesandten. Von keinem erhielten wir ein Lebenszeichen. Während London, Amsterdam, Hamburg, New York und andere küstennahe Städte untergingen, wurde schließlich in einer letzten europäischen Kraftanstrengung vom schottischen Hochland aus ein Raumschiff mit eintausend Männern und Frauen nach Alpha geschickt.
Ziel der gegenwärtigen Mission ist es herauszufinden, was mit ihnen geschah. Ferner soll überprüft werden, ob die Bedingungen auf Alpha eine Besiedlung zulassen. Insbesondere brauchen wir Informationen über die Tier- und Pflanzenwelt auf Alpha, die Möglichkeiten für die Landwirtschaft, über die Bodenschätze und ihre Abbaubarkeit, über die Möglichkeiten einer Industrialisierung sowie über die Gesellschaftsstruktur der ersten Siedler – falls diese überlebt haben.
Über die technischen Vorkehrungen der Nachrichtenübermittlung geben weitere Dateien Aufschluss.


Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
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