Sonntag, 2. Februar 2014

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 43



Irgendwann hörte sie ein Rauschen. Das musste der Fluss sein. Sobald sie das strömende Wasser zwischen den Stämmen glitzern sah, verließ sie den Pfad. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg durch die Büsche und Stauden, die hier, wo die Sonne durchdringen konnte, dichter wuchsen. Sie achtete darauf, keine Zweige zu knicken und auf dem weichen Boden keine auffälligen Spuren zu hinterlassen. Wo es ging, trat sie auf Wurzeln oder abgefallenes Laub.

Hier am Flussufer gediehen erfreulicherweise Früchte in Bodennähe. Sie pflückte, was sie kannte, violette schrumpelige Maracuja, gelbe Bananen, vom Boden sammelte sie ein paar grünliche Guaven auf und legte ihre Ernte auf einen flachen sonnenbeschienenen Felsen.
Zu hören war nur das Rauschen des Wasserfalls, der den träge dahinfließenden Fluss speiste, und der nie endende Chor der Vögel. Ihre Stimmen waren ebenso vielfältig wie die Farben ihres Gefieders. Schrilles Kreischen, Zirpen, Trillern, Gurrlaute, melodischer Gesang, hohes Piepen, Klopfen. Sie sah einen Vogel mit türkisblauem Körper und schwarzen Flügeln, der auf einem kahlen, übers Wasser ragenden Ast hockte. Kotinga, dachte sie. Auch er müsste, nach allem, was sie früher gelernt hatte, längst ausgestorben sein. Aber an die überwältigende Vielfalt der Tiere und Pflanzen dieser neuen Welt hatte sie sich schon fast gewöhnt. Und hier auf dem "Festland", wie die Rebellen sagten, schien es noch mehr Arten zu geben als auf ihrer Insel.
Sie aß von dem Obst, genoss das säuerlich süße Fruchtfleisch der Maracuja, das manchmal an Erdbeeren und Himbeeren erinnerte, in ihrer Heimat verbotene Früchte, die nur draußen wild gediehen.

Wie entrückt blickte sie auf den Fluss – breit wie ein See strömte er gemächlich dahin, golden spielten die Sonnenstrahlen auf der grünblauen Flut. Da spürte sie das leise Wippen des Asts, an dem sich ihre Krallen festhielten. Der laue Wind strich ihr um den Schnabel und durchs Gefieder, und sie betrachtete die Szene mit Gleichmut. Sie hatte gegessen, war satt, es gab nichts zu tun als hier zu sitzen. Nichts zu hören als die Stimmen der lauten Geschwister. Nichts zu sehen als die Strömung, das schillernde Laub der Pflanzen am jenseitigen Ufer, das Leuchten ihrer Früchte, die Klarheit des Himmels.

Irgendwann erwachte sie aus ihrer Trance. Oder war es ein Traum gewesen? Sie hatte fliegen können, sich hoch in die Luft erhoben und das wunderbare Land von oben betrachtet. Sie sah den gewaltigen Strom glitzern, die Grüntöne der Baumwipfel, die im Wind zitterten, den schäumenden Wasserfall, und jenseits der Hügel ein schwarzes Loch, das sie aufsaugen wollte. Doch sie widerstand, richtete den Blick auf das Wasser des Lebens, folgte seinem grünen Band und entdeckte ihren eigenen schlafenden Körper am Ufer.
Die Sonne hatte ihren höchsten Stand überschritten, als sich Lara dem Flusslauf folgend wieder auf den Weg machte. Sie fand den Trampelpfad, den wohl auch die Fischer auf ihren Streifzügen nutzten. Bald war das Tosen so laut, das es jedes andere Geräusch übertönte. Der Fluss machte eine Biegung und gab den Blick auf den Wasserfall frei. Wie gebannt blieb sie stehen und stieß einen Laut des Staunens aus. In ihrem Traum hatte er nicht so gewaltig ausgesehen. Zwischen Felsen auf dem Kamm des Hügels sprudelte auf einer Breite von mehr als zwanzig Metern das Wasser hervor und stürzte wohl an die zweihundert Meter tief in ein Becken, das sich über einen weiteren kleineren Wasserfall mit dem Fluss vereinte. Seine Wassermassen wälzten sich an der Steilwand entlang, die hier die ersten Ausläufer des fernen Gebirges säumte.

Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
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