Samstag, 21. Dezember 2013

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 2



Wieder öffnete sie die Nähte des Anzugs, die sie – einer alten Gewohnheit folgend? - sorgfältig verschlossen hatte. Noch einmal prüfte sie alle bereits gefundenen Taschen, nahm Proviantpäckchen und Flaschen heraus, zog aus dem Kragen eine Kapuze, die sich sofort mit Luft füllte, verstaute sie wieder, tastete die Innenseite einer jeden Tasche ab und fand schließlich in einer Provianttasche eine Naht, die sich öffnen ließ. Eine Art Geheimfach.


Sie zog ein in Luftkissen gepacktes Ding heraus. Ehe sie es aus seiner Hülle holte, verschloss sie alle Taschen und Öffnungen des auf dem Wasser treibenden Anzugs. Das schien ihr wichtig. Dann befreite sie das Ding aus seiner Verpackung. Es war rund und flach und schwer, etwas größer als eine Puderdose, makellos glänzendes, scheinbar fugenloses Metall wie das Messer. Auch hier funktionierte der Trick mit dem Antippen. Es sprang auf, und tatsächlich befand sich innen am Deckel ein Spiegel, aus dem dunkle Augen sie fragend anschauten. Sie sah ihr Gesicht, schmal, hohlwangig, milchkaffeefarbene Haut, schwarze Haare, straff nach hinten gekämmt und zu einem Zopf geflochten. An der Unterseite hatte die Puderdose aber kein Puderfach, sondern einige Tasten. Sie drückte die mit dem Pfeil. Und eine Stimme ertönte, eine Stimme, die ihr beinah die Tränen in die Augen trieb.


Die Reise von Terra nach Alpha kann den Verlust wichtiger Gedächtnisdaten verursachen. Daher ist hier der Auftrag für die Abgesandte Lara X zusammengefasst. Details folgen in weiteren Dateien.
Unsere Heimat bietet schwindende Überlebenschancen für die zivilisierte Menschheit. Die Temperaturen erhöhen sich stetig, der Meeresspiegel steigt nach wie vor an. In den Meeren sind aufgrund des hohen CO2-Eintrags Todeszonen in großen Tiefen entstanden. Die Landfläche ist auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Nach den Kriegen um die letzten Ressourcen führen von einst sieben Milliarden Menschen nur noch rund 700 000 ein würdiges Leben auf hohem technischem Niveau. Immer noch steigen aber die Temperaturen, die Wüsten dehnen sich aus und Stürme tragen radioaktiv kontaminierten Staub um den Globus.
Die Mission der Abgesandten Lara X ist unsere letzte Hoffnung, neuen Lebensraum zu erschließen.
Nach Alpha wurden bereits vor rund hundert Jahren . . .

Eine Wolke hatte den Horizont verdüstert. Sie bemerkte sie erst, als die Wolke das Tageslicht schluckte und sich ihr Schatten wie verschüttete Tinte über die türkisblauen Fluten ergoss. Sie klappte die Puderdose zu, die seltsam vertraute, gesichtslose Stimme verstummte, und der Wind, der die Wolkenwand vor sich hertrieb, ließ sie schaudern. Ringsum schwappte das seichte, warme Wasser. Sie griff nach dem Schutzanzug, der beinahe davongetrieben wäre, verstaute hastig die Puderdose und verschloss die Nähte. Eine Welle traf sie von hinten und durchnässte sie vollkommen. Der Helm schaukelte in einiger Entfernung. Jetzt noch in den Anzug zu schlüpfen hätte übermenschliche Kräfte gekostet. Schon traf sie der nächste Brecher mit Wucht. An der Sandbank brachen sich die Wellen, ein Stück weiter draußen war es wohl weniger gefährlich. Sie klammerte sich an den Anzug wie an eine Schwimmhilfe, stieß sich mit den Füßen ab und ließ sich von einer Welle davontragen. Der Sog holte sie jedoch zurück, und sie machte den nächsten Versuch. Immer höher türmten sich die Wogen, der Sturm peitschte das Wasser. Kaum spürte sie wieder Sand unter den Füßen, riss die nächste Welle sie um und schluckte sie mitsamt Anzug. Verzweifelt strampelnd kämpfte sie sich an die Oberfläche und schnappte nach Luft.
Endlich trug eine Welle sie ein Stück mit hinaus, sie trieb im Wellental, wurde wie ein Korken meterhoch emporgehoben, sank ins nächste finstere Tal, und nun prasselte Regen, Blitze zuckten auf, dicht gefolgt vom krachenden Donner. Bald wird meine Kraft nachlassen und ich kann mich nicht mehr festhalten, dachte sie. Dann werde ich einfach untergehen. Da hob die nächste turmhohe Woge sie empor, und der Anzug drohte ihr zu entgleiten.

Als sie aus der Ohnmacht erwachte, hielt ihr jemand die Nase zu und Lippen schlossen sich um die ihren. Panisch rang sie nach Luft. Ihr Retter ging auf Distanz. Sie schlug die Augen auf und sah ein Gesicht über dem ihren. Strubblige blonde Haare, neugierige blaue Augen.
Mühsam setzte sie sich halb auf und musste sich übergeben. Meine Güte, war das peinlich . . . anscheinend hatte sie jede Menge Salzwasser geschluckt.
Er reichte ihr eine Flasche aus Ton, die er an einem Riemen über der Schulter getragen hatte, sie spülte sich den Mund aus und trank gierig, wagte aber kaum, ihn anzusehen.
"Wo kommst du denn her?" Er sprach Englisch mit einem Akzent wie in alten Filmen.
Eine gute Frage. "Aus dem Meer", sagte sie zögernd.
"Das sehe ich auch." Er lachte.
Sie schaute sich um. Kleine harmlose Wellen umspielten ihre Füße. Der Sturm hatte die schwarzen Wolken bis an den Horizont getrieben. Der dunkelblaue Himmel war klar wie eh und je, und die Sonne, die bei ihrem ersten Erwachen im Zenit gestanden hatte, würde bald untergehen. Endlich traute sie sich, in seine Richtung zu sehen. Er war braun gebrannt und nackt bis auf einen Lendenschurz. Scheinbar aus Leder. Sein Körper war muskulös und einfach perfekt, fand sie. Und sein Gesicht hätte man schön nennen können, wenn es nicht durch eine lange Narbe auf der Wange entstellt gewesen wäre.
Unwillkürlich streckte sie die Hand aus und berührte die Narbe.
Er sah ihr in die Augen. "Ist nicht schlimm", sagte er. "Nur ein Unfall."
"Oh, das tut mir leid."
"Wie heißt du?"
Noch eine gute Frage. Ihr Gehirn war leer, so gut wie leer. Immerhin erinnerte sie sich an die Ereignisse seit ihrem ersten Erwachen, wie sie es im Stillen nannte. Und sie konnte sprechen. Nicht nur deutsch, auch englisch. Wusste seltsame Namen von Fischen. Hatte diese Stimme aus der Puderdose gehört. Wie gebannt hatte sie gelauscht, ehe der Sturm losbrach. Da war ein Name vorgekommen. Ihr Name?
"Ich bin die Abgesandte Lara X."
Wieder lachte er. Was war so komisch daran?
"Und wer hat dich geschickt, Abgesandte Lara X?"
Sie wandte den Blick ab. "Ich kann mich an nichts erinnern", flüsterte sie.
Er wirkte bestürzt.
"Ich heiße Will"; sagte er, als wolle er ein anderes Thema anschneiden. "William Taylor." Damit reichte er ihr die Hand und zog sie hoch. "Komm wir gehen zum Dorf.”
Alles drehte sich. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. "Hoppla", sagte Will und fing sie auf, als sie umkippte. Mit einem Spritzer aus der Wasserflasche holte er sie wieder zurück.
Verstört sah sie in seine besorgten Augen. "Ich glaube, ich kann nicht laufen", bekannte sie beschämt.
"Kein Problem", - er hob sie hoch – "du wiegst ja fast nichts."
Die plötzliche Nähe zu einem anderen Menschen brachte sie völlig durcheinander. Seine Arme umschlossen ihren Körper, ihr Kopf lag an seiner Brust, sie roch seinen Schweiß, was ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Magen auslöste. Und sie fühlte sich hilflos wie ein Kind, was ihr gar nicht passte.
Um sich abzulenken, ließ sie den Blick über den Strand und das Meer schweifen. Keine Spur von ihrem Schutzanzug. Jenseits des Sandstreifens sah sie blühende Büsche und Palmen. Ihr Gewicht war wohl tatsächlich unbedeutend, denn er trug sie scheinbar ohne Anstrengung über den Sand zu einem Pfad, der sich durch die dichte Vegetation schlängelte. Die Pflanzen erschienen ihr fremd, aber ihre Blüten strömten einen betörend süßen Duft aus, und neben den Blüten prangten halbreife und reife Früchte. Sie hätte gern die Hand danach ausgestreckt, aber Will hatte eine flotte Gangart angeschlagen. Der Geruch von Holzfeuer und Gebratenem stieg ihr in die Nase, und sie merkte, dass sie Hunger hatte.

Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro

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