Freitag, 20. Dezember 2013

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 1



Kapitel 1


Es war heiß, viel zu heiß. Sie spürte, wie ihr der Schweiß übers Gesicht lief. Atmen war eine mühsame Sache, stickige Luft drang durch die Maske, die sich über Nase und Mund schloss. Blinzelnd schlug sie die Augen auf, grelles Sonnenlicht blendete sie. Sofort machte sie die Augen wieder zu. Sie fühlte sich schwerelos, gefangen in einer Hülle, die sie trug, aber unfähig, sich zu bewegen. Sauerstoffmangel dachte sie noch, ehe sie wieder das Bewusstsein verlor.
Ein Stupsen gegen die Rippen holte sie zurück.


Mit größter Anstrengung atmete sie ein. Nur wach bleiben, sonst würde sie wieder ins Dunkel abgleiten, für wer weiß wie lange. Sie musste es versuchen. Die Hand heben, wenigstens das. Ankämpfend gegen das monotone Schaukeln, das sie einzulullen drohte, bewegte sie die Finger. Auch sie waren gefangen in einer Hülle, einem Handschuh? Wieder ein Stupsen, und sie stieß mit dem Ellbogen gegen ein Hindernis, etwas Hartes. Sie nutzte die Chance, nahm ihre ganze Kraft zusammen, öffnete wieder die Augen, stützte sich mit dem Arm auf, rutschte ab, versuchte, Halt zu finden. Sie brauchte Luft, Abkühlung, irgendwie . . . Ankämpfend gegen die Verlockung, sich in die Dunkelheit fallen zu lassen, hob sie die Hand.

Wieder ein Stupsen, und sie spürte festen Untergrund an ihrem Rücken. Das Schaukeln hörte auf. Noch einmal und noch einmal wurde sie energisch angestupst, bis sie auf der Seite lag. Jetzt konnte sie die Augen offen halten. Hell, unerträglich hell war es, aber die Sonne schien ihr nicht mehr ins Gesicht. Eine Welle schwappte gegen das Visier ihres Helms – unverkennbar war es ein Helm, in dem ihr Kopf steckte – und ihr wurde klar, dass sie von Wasser umgeben war. Nun konnte sie den Arm leichter bewegen, tastend entdeckte sie den Handschuh ihrer anderen Hand, riss daran. Nichts bewegte sich. Noch ein Versuch. Mit aller Kraft, die ihr geblieben war, zerrte sie an dem Ding. Vergeblich.
Nur ruhig, keine Energie verschwenden. Sie war gefangen in dieser Hülle, aber wenn die einen Sinn haben sollte, außer sie umzubringen, musste es eine vernünftige Möglichkeit geben, sie loszuwerden. Eine Schutzhülle, ein Gefängnis, das sie abschirmte, beschützte, das sie aber töten würde, wenn sie sich nicht befreite. Lösungen kommen von selber, wenn man loslässt, sagte sie sich. Woher stammte der Satz?
Allmählich beruhigte sich ihr Atem. Nicht gegen die Maske ankämpfen, gegen die vermeintliche Atemnot. Sie schlug wieder die Augen auf, betrachtete den Handschuh ihrer rechten Hand. Es schien, als wäre er nahtlos mit dem Ärmel verschweißt. Ruhig atmen.
Zentimeterweise schob sie den anderen Handschuh in ihr Blickfeld. Etwas war anders. Ein rotes Band umschloss ihn. Aus der makellosen Oberfläche ragte etwas heraus. Die Lösung. Sie wusste es.
Behutsam zog sie an der Schnur, die sich aus dem Band herauswand. Ein kleiner Ruck, nicht einmal, dreimal zog sie ruckartig daran, eine Bewegung wie eingeübt, wie tausendmal schon ausgeführt. Aber dieses Rucken war für sie eine große Kraftanstrengung. Das rote Band gab eine zweite blaue Schnur frei. Wieder zog sie dreimal daran, und jetzt lösten sich wie von selbst beide Handschuhe von den Ärmeln, und sie konnte endlich ihre Hände befreien. Nur die blaue Schnur verband die Handschuhe noch mit dem Schutzanzug.
Das kühle Wasser an ihren glühenden Fingern war das Köstlichste, was sie je gespürt hatte. Die Handschuhe füllten sich mit Wasser, egal, es lief ihr in die Ärmel, umso besser. Sie ertastete glatten Stein, der ihr Halt geboten hatte, versuchte sich hochzustemmen, sank wieder in die halb liegende Position und atmete schwer. Sie fühlte sich völlig geschwächt. Beim nächsten Anlauf gelang es ihr, sich zu setzen. Jetzt der Helm. Auch er war nicht mehr mit dem Rest ihres Anzugs verbunden, sie umfasste ihn mit beiden Händen, nahm ihn ab – er schien Tonnen zu wiegen – und legte ihn neben sich ins flache Wasser. Den Schweiß auf ihrer Stirn ließ sie von einem sanften Wind trocknen.
Als sie nach der Maske tastete, blitzte die Furcht auf, die klare Luft könnte verseucht sein. Im selben Augenblick fiel die Entscheidung, sie gab dem Impuls nach, die Maske loszuwerden, streifte das Band ab, das sie hielt. Fuhr mit dem Finger zwischen den Gummirand und die Haut, löste das Ding von ihrem Gesicht und atmete gierig frische köstliche Luft. Von dem Sauerstoff war sie wie berauscht.
Sie hockte auf dem glatten, flachen Felsen und sah sich um. Nichts als Wasser ringsum und blauer Himmel. Wie war sie nur hierher geraten?
Auch die Naht an der Vorderseite ihrer klobigen weißen Schutzhülle öffnete sich, als sie an den roten und blauen Schnüren am Halsausschnitt ruckte. Sie schlüpfte aus den Ärmeln. Darunter trug sie einen Anzug aus einem dunklen glatten Stoff, der sich wie eine zweite Haut an ihre mageren Arme anschmiegte. Sie fand die Schnüre, mit denen sich die schweren Stiefel von ihren Füßen lösen ließen und grub erleichtert die Zehen in den Sand, der die Felsplatte umgab. Da bewegte sich etwas. Ein Schwarm kleiner lila glänzender Fische. Sie näherten sich zutraulich, als sie die Hand ins Wasser steckte, knabberten an ihren Fingerspitzen. Ein nie gekanntes Gefühl erfasste sie, als sie die Tiere beobachtete. Mit einem Mal glaubte sie, Teil des Schwarms zu sein, spürte die Neugier der Fische, ihren Spieltrieb, die schiere Freude, sich in diesem glasklaren Wasser zu tummeln. Ein Wort holte sie aus ihrer Trance. Grammatidae. Feenbarsche.

Jede Bewegung kostete übermäßig viel Kraft, aber sie zwang sich schließlich weiterzumachen. Nun betastete sie die Innenseite des Schutzanzugs und entdeckte Taschen, die sich nach derselben Methode aufmachen ließen wie die Nähte an Handschuhen und Schuhen. In einer Tasche fand sie eine Wasserflasche, nahm durstig einen Schluck, dann noch einen, kostete auch verwegen einige Tropfen der Fluten ringsum. Sie schmeckten nach Salz. Meerwasser. Sie sah sich um. Nichts als Himmel und Wasser. Doch in der Ferne bewegte sich etwas. Graue Gestalten, die aus dem Wasser sprangen. Sie sahen aus wie spielende Delphine. War das möglich? Gab es hier wirklich noch Delphine? Ihr Magen kribbelte vor Aufregung. Mit einem Mal fühlte sie sich euphorisch. Der Spaß, den die Delphine hatten, wirkte geradezu ansteckend. Am liebsten hätte sie ihnen stundenlang zugeschaut.
Irgendwann wandte sie sich wieder ihrer mühseligen Suche zu. In einer anderen Tasche fand sie quadratische Päckchen. Sie enthielten nussgroße weiße Kugeln. Sie roch daran – ein angenehmer Duft, wie Griesbrei mit einem Hauch von Ahornsirup und Vanille. Das Schattenbild einer Erinnerung stieg in ihr auf, ließ sich aber nicht fassen. Sie schob eine der Kugeln in den Mund. Es war eine eher zähe Angelegenheit, quoll auf der Zunge auf, schmeckte aber nicht unangenehm und ließ sich nach längerem Kauen schlucken. Sie nahm noch eine Kugel, kaute und versuchte nachzudenken.
Sie wusste nicht, wo sie herkam. Sie wusste nicht, wo sie hin wollte. Sie saß auf einer Sandbank mitten in einem Meer, das sie nicht kannte. Und wenn sie es recht bedachte, war ihr auch sonst vieles unklar. Ihr Hirn war leer. Aus dem Nichts war der lateinische Name eines Fisches aufgetaucht, der Ähnlichkeit mit diesen kleinen lilafarbenen Wesen rund um ihre Füße hatte. Aber sie konnte sich nicht entsinnen, woher dieses Wissen stammte. Wie hatte ihr Leben ausgesehen, bevor sie sich hier mitten im Meer wiederfand? Sie hatte keine Ahnung.
Wieder wandte sie sich ihrem Schutzanzug zu. Es musste doch irgendeinen Hinweis geben. Etwas, das Erinnerungen wachrief.
Das ganze Ding war offenbar mit Gas gefüllt. Das hatte sie, obwohl der Anzug, die Handschuhe, die Stiefel schwer waren, über Wasser gehalten. Sie entschied, ihn ganz auszuziehen und näher zu untersuchen. Zuerst verschloss sie die offenen Innentaschen wieder sorgfältig. Kaum hatte sie ihn abgestreift, sah sie eine Art Rucksack, der am Rücken befestigt war. Dem Gewicht nach zu urteilen, enthielt er Sauerstoffflaschen, die sie mit Luft versorgt hatten. Von ihm führten Schnüre zu etwas Blauem, das auf dem Wasser trieb. So schwer ihr das fiel, zog sie es zu sich heran. Ein großes Tuch war das, riesengroß, aus sehr feinem, leichtem Stoff. Ein Fallschirm. Den brauchte man, um aus einem Flugzeug abzuspringen. Hatte sie das getan?
Sie wandte sich wieder dem weißen Schutzanzug zu. Das Innenfutter fühlte sich seidenweich an, wahrscheinlich eignete sich das Ding auch als Schlafsack. Als sie das Futter betastete, fand sie weitere Litzen. Sie holte noch mehr Proviant und flache Wasserflaschen heraus, auch eine Mappe mit allerhand Pillen, Salben, Pflastern und Verbänden. Eine Notfallapotheke. Na ja, weit würde die nicht reichen.
In einer gut verborgenen Tasche im Hosenbein entdeckte sie etwas aus Metall. Es steckte wohl verwahrt in kleinen Luftkissen. Sie zog es aus seiner Hülle. Waffe oder Werkzeug? Der längliche, schwere Gegenstand lag gut in der Hand, schien aber keine erkennbare Funktion zu erfüllen. Seine Oberfläche war dunkel und fugenlos glatt. Seltsam vertraut fühlte er sich an. Spielerisch tippte sie zweimal mit dem Daumen dagegen. Im selben Moment schnellte eine Klinge heraus, sie zuckte zusammen, war aber nicht wirklich überrascht. Prüfend fuhr sie mit dem Daumen über die rasiermesserscharfe Schneide. Dreimal an derselben Stelle tippen, und die Klinge verschwand wieder im Griff. Mit demselben Trick ließ sie eine kleine Säge herausschnellen. Sie tastete nach ihrem Gürtel, fand von einer Ahnung geleitet die Öffnung, in die das Messer passte. Sie prüfte, ob sich im anderen Hosenbein eine ähnliche Tasche verbarg, und tatsächlich entdeckte sie eine. Der Gegenstand, den sie darin fand, glich dem Messer, war nur länger, schwerer und lag noch besser in der Hand.
Wieder rätselte sie, warum sie mit Dingen umgehen konnte, mit denen sie keine Erinnerungen verband. Sie entsann sich nur noch, wie sie eingeschlossen in den Schutzanzug auf dem Meer treibend erwacht war, hilflos wie ein Neugeborenes, sinnlos wie ein Computer mit gelöschter Festplatte. Nein, das stimmte nicht ganz. Sie konnte Fragen stellen, Hinweise suchen.


Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
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