Dienstag, 24. Dezember 2013

Mission Alpha - der Serienroman - Folge 5



"So früh unterwegs, Abgesandte?", fragte er.
Stumm sah sie ihn an.
"Wonach hältst du Ausschau? Nach deinen Leuten?"
"Ich habe niemanden."
"Kommst du aus den Fischerdörfern? Oder etwa aus dem Kloster?"
"Kloster?" Sie lachte. 
Das Wort weckte die Vorstellung von düsteren grauen Mauern, Glockenläuten, ein Kreuzgang, eine prachtvolle Kirche, Engel mit goldenen Flügeln . . .
"Die Mädchen aus dem Kloster bekommt man nicht oft zu Gesicht. Das wäre ein Grund, warum wir dich nicht kennen. Aber eigentlich bist du dafür zu alt."
"Ich bin keine Spionin. Jane glaubt mir. Und euer Edinburgh kenne ich nicht." Edinburgh lag in Schottland, so viel wusste sie, und Schottland war längst unbewohnbar geworden, wahrscheinlich weitgehend vereist.
Warum erzählte sie ihm nicht einfach, dass sie den Schutzanzug suchte? Zu viele Fragen, auf die sie selbst keine Antwort hatte.
Als sie am Morgen nach dem Bad im Teich mit Jane ins Dorf zurückgekehrt war, hatte er sie bewundernd angesehen. Jane hatte ihr das Haar gekämmt, ihr mit Lederbändern eine kunstvolle Frisur geflochten. Aus ihrem Beutel hatte Jane ein safrangelbes Kleid für sie geholt, ihr nicht erlaubt, dass sie wieder in den schwarzen Anzug schlüpfte. Auch Schmuck hatte sie ihr umgelegt.
Jetzt war sein Blick kalt. Er glaubte ihr kein Wort.
Sie tastete nach ihrem Gürtel. Sollte sie es riskieren?
"Ich zeige dir etwas, das aus meinem Land stammt. Ich komme nämlich von weit her", sagte sie. Bedächtig öffnete sie das Fach mit dem Messer, holte es heraus, hielt es ihm hin.
Als er es nahm, berührte er ihre Finger. Es ging ihr durch und durch. Er wog das seltsame schwarz glänzende Ding in der Hand, betrachtete es von allen Seiten.
"Na und?", sagte er. "In den Höhlen gibt es auch solche schwarzen Steine. Wenn sie lange genug im Fluss liegen . . ."
Fordernd streckte sie die Hand aus, er gab ihr das Messer zurück. Sie tippte zweimal an den Griff, und die blitzende Klinge schnellte heraus.
Will machte einen Satz rückwärts. "Das ist Hexerei", murmelte er.
"Nein, das ist moderne Technik. Ihr lebt hier wie vor zehntausend Jahren. Habt ihr denn alles vergessen?" Sie reichte ihm das Messer mit dem Griff nach vorn.
Vorsichtiger als zuvor nahm er es entgegen und prüfte den makellosen Stahl der Klinge.
"Ihr kennt kein Metall?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Er schüttelte den Kopf. "Hast du das gefunden? Im Allerheiligsten?"
Sich mit ihm zu unterhalten gab mehr Rätsel auf, als es löste. "Nein. Es gehört zu meiner Ausrüstung. Den Rest hab ich im Sturm verloren." Und irgendwo musste ja auch das abgestürzte Flugzeug sein. Womöglich auf dem Meeresgrund?
"Du sagst, du kannst dich an nichts erinnern, aber du weißt, dass du aus einem fernen Land kommst?" Er gab ihr das Messer zurück, sie ließ die Klinge verschwinden und steckte es wieder in den Gürtel.
"An ein paar Dinge kann ich mich erinnern. Zum Meer ist es bei uns zwar nicht weit, aber es gibt keinen Strand wie hier. Es gibt auch keine Fische im Meer. Man darf nichts essen, was draußen wächst. Man wird krank davon."
"Wo soll denn sonst etwas wachsen?"

Sonja Schuhmacher, Mission Alpha - Landung im Paradies, 138 Seiten, 0,99 Euro
bei Thalia: tinyurl.com/ne9lya6
bei PagePlace: http://tinyurl.com/owrr8d9
bei itunes:
bei googleplay:  
bei amazon: http://tinyurl.com/nq4gr9b


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen